Todestag Fernmeldegeheimnis/Privatsphaere

Fehlentwicklungen in Deutschland...

(zuletzt ergänzt: 18. Apr 1999)
 
Jede Gesellschaft hat ihre Schwächen und Stärken. Ich denke, daß die meisten Deutschen eine einigermaßen ausgewogene Haltung in vielerlei Hinsicht haben. Es gibt jedoch ein paar bemerkenswerte negative Ausnahmen. Diese möchte ich hier zur Debatte stellen... Wie schon auf der Hauptseite erwähnt, schrecke ich nicht vor drastischen Formulierungen zurück. Dies geschieht nicht in böser Absicht.
 

Die Geschichte und die "neue Feigheit"

Dies ist mein vielleicht schwerster Vorwurf an die große Mehrheit von uns Deutschen. Es erscheint mir notwendig, hier ein paar unangenehme Erinnerungen an die Geschichte "unseres" Jahrhunderts zugrunde zu legen.

Obwohl der erste Weltkrieg primär Folge des allgemeinen und keineswegs nur in Deutschland praktizierten Militarismus war, zeigte sich schon in diesem die gefährliche, preußisch-militärstaatlich geprägte Seite Deutschlands von ihrer häßlichsten Seite. Auch damals kam es zu Völkerrechtsverletzungen und die Deutsche Wehrmacht war alles andere als ein Verein von Weicheiern.

Im zweiten Weltkrieg kulminierte der während der Weimarer Zeit zumeist eher latente Militarismus, ausgenutzt von Hitler und seinen Schergen und weiter gefördert u.a. durch die Weltwirtschaftskrise sowie die Reparationslasten. Dieser Gipfel der Brutalität hatte mehr als nur unmittelbare Folgen. Er führte zusammen mit dem totalen Zusammenbruch Deutschlands und den schwerwiegenden wirtschaftlichen Folgen sowie dem Wiederaufbau nach dem Krieg zu einem unübersehbaren Sinneswandel.

Äußerst positiv war z.B. die Aussöhnung mit Frankreich, dem früheren "Erbfeind". Doch ansonsten beging man hierzulande wieder einmal den nicht gerade neuen Fehler, von einem Extrem ins Andere zu fallen.

Dies wurde erkennbar, als zunächst beinahe eine sozialistische Wirtschaftsordnung eingeführt worden wäre (in den Westzonen!) und dann noch deutlicher bei der pazifistischen Welle gegen die Einführung der in die NATO integrierten Bundeswehr. Offenbar hatte sich die Einstellung großer Teile der Bevölkerung durch wirtschaftliche Not und bis dahin ungeahnte Schrecken eines modernen Krieges ins Gegenteil verkehrt.

Auch wenn diese Tendenzen sich dann nicht in der praktischen Politik durchgesetzt haben, wäre es falsch, sie darum zu ignorieren. Die offizielle Politik entscheidet eben nicht immer (was teilweise kein Fehler ist!) nach der Mehrheitsmeinung der Bevölkerung.

Die Nachwirkungen dieser Entwicklung sind bis heute unübersehbar. Dies ist mein Vorwurf: es grassiert geradezu eine allgemeine Feigheit und Haltlosigkeit, die nicht nur in der deutschen Geschichte beispiellos ist, sondern auch im Ausland auf Unverständnis stößt.

Ein wichtiger Hinweis (danke für die Anregung!) muß hier noch gemacht werden: es fehlt in Deutschland unverändert an einer lange gewachsenen demokratischen Tradition, wie wir sie z.B. in Großbritannien, Frankreich oder den Niederlanden vorfinden. Dies hat von vornherein die Entwicklung gesellschaftlicher Eigenverantwortung in der BRD nicht gerade erleichtert. Boshaft und überspitzt könnte man sagen: die Mehrheit der Bundesbürger akzeptiert die "Diktatur der eingeführten Demokratie", d.h. sie tun es auch nicht aus echter Überzeugung, sondern nur, weil sie es - wie früher das Kaiserreich oder das Nazi-Regime - einfach als geradezu gottgegeben hinnehmen. Deswegen mangelt es den meisten auch an Einsatz für unser demokratisches Gemeinwesen. Immerhin ist dies solange nicht direkt gefährlich, wie extremistische Gruppen am rechten und linken Rand keinen zu großen Einfluß gewinnen; trotzdem ist dies eine bedenkliche Situation.

Zurück zur allgemeinen Feigheit von uns Deutschen, die sich nicht nur in mangelndem politischen Engagement zeigt, z.B. lächerlichen Beteiligungen bei Bürgerentscheiden und ähnlichem, bei denen die Leute nicht einmal bei Fragen, die sie relativ direkt betreffen, Stellung beziehen mögen (jedenfalls nicht mindestens zwei Drittel der Wahlberechtigten...).

Die Symptome sind beispielsweise: fast völlig fehlende Zivilcourage, zunehmende Übervorteilung oder gar Mißhandlung hilf- und wehrloser Menschen, panische Angst vor schwer bis gar nicht vermeidbaren Gefahren des Alltags, im Extrem teilweise in terroristische Aktivitäten mündende Protestaktionen (z.B. gegen die friedliche Nutzung der Kernenergie Anschläge auf Bahnstrecken, die nur unbeteiligte Menschen gefährden), an Niedertracht nicht zu überbietende Anschläge auf Babynahrung, die Erstarrung der Gesellschaft in immer weniger zeitgemäßen Strukturen aufgrund übertriebener Angst vor Änderungen (z.B. wegen der lächerlichen Spritpreiserhöhung von sechs Pfennig, die völlig in den täglichen Preisschwankungen untergeht) usw.

Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen: es ist zu begrüßen, daß der langjährige Militarismus in Deutschland begraben wurde. Aber es ist keine Lösung, nun ganz konträr andere extreme Haltungen einzunehmen und z.B. die eigenen Ängste zu hegen und zu pflegen und sich dessen auch noch zu brüsten. Außerdem müssen die meisten von uns wieder lernen, für etwas Ideelles einzustehen, Anderen zu helfen, auch wenn es ein persönliches Risiko darstellt und was der Dinge mehr sind. Zivilcourage und Mut müssen wieder Eingang in allgemeine Grundwerte erhalten.
 

"Jeder ist sich selbst der Nächste!"

Dies ist nur teilweise eine Folge der oben diskutierten Feigheit. Es ist auch ein Mangel an innerer Anteilnahme bzw. Verbundenheit sowie Verlust des Glaubens (damit meine ich keine strenggläubige Religiosität, sondern den Glauben an irgendwelche positive Werte; diese müssen nicht notwendig christliche oder andere "standard"-religiöse Vorstellungen sein). Schlimme Erscheinungen wie Mobbing oder rücksichtslose Bereicherung sowohl in Wirtschaft wie in Politik sind alle Beweggründe für meine zweite "Anklage" gegen unsere heutige Gesellschaft. Möglicherweise tragen auch die hier in Deutschland eher negativen Zukunftseinschätzungen gerade der Jüngeren zu dieser Entwicklung bei. Doch um etwas erreichen zu können, müssen wir erst recht zusammenarbeiten; gerade in der heutigen, eng verflochtenen Welt spielt dieser Aspekt sogar eine wachsende Rolle.


 

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