Ein Bericht vom 11. August 1999

(zuletzt aktualisiert am 10. Sep 1999 mit einer Video-Animation)

totale Sonnenfinsternis durch Wolken...
Aufnahme von Albert Sciesielski, Verein Schwäbische Sternwarte e.V., mehr davon ist zu finden unter Erste Finsternisergebnisse 1999 , Bedingungen nicht weit entfernt von Stuttgart und Ludwigsburg ähnlich mäßig wie an meinem Standort...
 

Hinweis: Video (MPEG mit 3.8 MB) des ZDF, digitalisiert von
Webzauberer , bisher bekannt als Wischtan Wuselwind/unkomprimiert/streamfähig auf anderem Server

(Clip ist etwas grünstichig, aber die Protuberanzen sind trotzdem rötlich)
 

Bericht

Dies war meine erste totale Sonnenfinsternis-Beobachtung, aber mit Sicherheit nicht meine letzte! Aber die einzige, die ich ohne Weltreise sehen konnte.

Vorbemerkung: am Abend des Vortags stand ich vor der Frage, ob ich vielleicht per Zug nach Karlsruhe fahre - das wäre nicht weit gewesen -, um meine Chancen auf die Sichtbarkeit der totalen Verfinsterung zu erhöhen. Ich entschied mich aufgrund des nicht allzu präzisen Wetterberichts dagegen - angesichts der vollen Züge vielleicht besser, andererseits war zumindest in Baden-Württemberg Karlsruhe vom Wetter noch am besten bedacht worden...

Am Morgen des 11.: Wolken und nichts als Wolken. Meine Stimmung fiel immer mehr, je länger es sich nicht besserte und die Stunden vor dem ersten Kontakt verrannen. Als die partielle Phase in Ludwigsburg begann, war es relativ dunkel, aber nicht wegen des Mondes. So blieb ich zunächst zuhause, dann aber, zehn Minuten später, kam die Sonne durch und ich brach sofort zu meinem geplanten Beobachtungspunkt auf. Dieser ist leicht erhöht und hat freie Sicht Richtung Westen, damit hatte ich mich auf das Nahen des Kernschattens des Mondes vorbereitet.

Die Nervosität wächst...

Wenige Minuten konnte ich nun - sogar die Lichtschutzbrille kam zum Einsatz, was eine seltene Ausnahme war - die begonnene partielle Verfinsterung sehen, nichts Ungewöhnliches; ich hatte schon grössere partielle Bedeckungen erlebt. Dann verdichteten sich die stets vorhandenen Wolken wieder und das Warten begann... 

 Eine Viertelstunde später kommt das Gespann Sonne/Mond wieder zum Vorschein, immer mehr oder weniger durch Wolken geschwächt. Nun ist die Bedeckung schon vergleichbar mit der bis dahin größten von mir gesehenen und man kann nun auch erkennen, dass der Mond tatsächlich genau auf die Mitte der Sonnenscheibe zuhält.

Dann verschlechtern sich die Bedingungen rapide, es beginnt ein kurzer Schauer und dennoch setze ich nochmals kurz die Lichtschutzbrille auf, da nochmal die Sonne bzw. ihr unverdeckter Teil durch die Wolken sticht. Typisch mitteleuropäisches Wetter in der "gemässigten" Klimazone: chaotisch bis zum Gehtnichtmehr. Das gilt insbesondere für die Wolkenbewegungen in verschiedenen Höhen, Richtungen, mit verschiedenen Geschwindigkeiten. Selbst erfahrene Meteorologen müssen fraglos bei so einem Himmel kapitulieren, was Vorhersagen betrifft. Trotz der relativ wenigen Minuten Beobachtung beginne ich schon die Nackenmuskulatur zu spüren, aber die Wolken ermöglichen gute Entspannung!

Nun kommt es härter: über zwanzig Minuten ist nichts zu sehen, und meine Stimmung sinkt zügig dem Nullpunkt entgegen. Dann, eine gute Viertelstunde vor dem zweiten Kontakt, ist nochmals kurz die schon großteils verfinsterte Sonne zu sehen. Bedingt durch die starke Bewölkung ist es dennoch schon relativ dunkel.

Es wird bestimmt nichts zu sehen sein!?

Und wieder ward es finster - leider zu früh und aus dem falschen Grund. Eine Viertelstunde vergeht und die einzige Abwechslung ist der regelmäßige Blick auf die Uhr, der die Nerven aber auch nicht gerade beruhigt. Die Zeit verrint und die Stimmung liegt sozusagen dicht über dem absoluten Nullpunkt, als ein kleines Wunder geschieht: ca. eine Minute (!) vor Beginn der Totalität erscheint die nunmehr schmale Sonnensichel hinter den nicht mehr so dichten Wolken! 

Um es vorweg zu nehmen: nun kann das Ereignis - wenn auch immer noch durch eine Restwolkenschicht getrübt - für ca. 4 bis 5 Minuten verfolgt werden...

Übrigens schienen zumindest einige Krähen mit Ruheabsichten zu krächzen, als die "Dämmerung" schon weit fortgeschritten war. Sonst konnte ich keine auffälligen Reaktionen von Tieren beobachten. Ein paar Kilometer weiter, auch noch Ludwigsburg, haben die Beobachter nichts von der totalen Phase gesehen!

Die entscheidenden zwei Minuten...

Nun geht es rasend schnell: infolge der Bewölkung kann der Kernschatten des Mondes auf der Landschaft nicht richtig ausgemacht werden, aber dann legt der Mond das letzte Stück zurück: es wird fast schlagartig beinahe völlig dunkel und wenn man von der Tatsache, dass nicht einmal Venus die Wolken durchdringen kann, absieht, ist der ersehnte Anblick grundsätzlich da: die locker über die Felder verteilten Beobachter klatschen, als sich der "Heiligenschein" um den Mond bildet. Auch wenn  nur der innerste Teil der Korona, im Wesentlichen durch von der Photosphäre reflektiertes Licht sichtbar, zu erkennen ist - etwas Vergleichbares habe ich tatsächlich nie zuvor mit eigenen Augen gesehen. Nur sehr vage angedeutet sind Protuberanzen am Mond-/Sonnenrand sichtbar. Es herrscht tatsächlich Stille, offenbar starrt jeder in der Umgebung gebannt auf die verfinsterte Sonne. Um 12:35, ca. 10 Sekunden vor dem Ende der Totalität, piepst meine programmierte Armbanduhr - eine Sicherheitsmassnahme für besseres Wetter, um nicht von der wieder auftauchenden Sonnenphotosphäre überrascht und evtl. geblendet zu werden. Dies ist unbedingt nötig, v.a. wenn man durch optische Instrumente die Totalität beobachtet. Das mitgenommene Fernglas habe ich aber nicht eingesetzt; dafür war die Bewölkung einfach zu hinderlich - ich hatte es v.a. für die Beobachtung der äußeren Korona mitgenommen.

Dann bricht der erste Lichtstrahl der solaren Photosphäre durch die Wolken und ein kurzer Blick auf die Landschaft zeigt auch die sehr plötzliche Aufhellung, die zu meiner Überraschung relativ deutlich auf den Feldern sichtbar ist.

Quinteszenz

Natürlich verfällt das Interesse der Beobachter nun rapide, auch wurden die Wolken nun wieder dichter - aber die Ergriffenheit bleibt. Und in der Tat, obwohl ich die Korona nicht komplett  sehen konnte, hat schon dieses Erlebnis genügt, mich "süchtig" zu machen... So wie Professor Kippenhahn auf einem Vortrag im Planetarium Stuttgart am 22. Juli 1999 es uns "Erstsehern" prophezeit hatte.

Unter den nächsten Finsternissen ist v.a. eine, die sich für "Finsternisjäger" geradezu anbietet (die anderen sind mir nicht reizvoll genug: in der Antarktis bzw. eine sehr kurze in Australien oder eine ringförmige in Island...): Juni 2001 in Afrika. Die längste Totalität von ca. fünf Minuten findet auf dem Atlantik, ein paar hundert Kilometer westlich von Angola statt. Da Angola ziemlich ungesund ist, muss Zimbabwe als nächste akzeptable Festlandposition gelten - auch wenn die Totalität dort maximal dreieinhalb Minuten dauert. Rechtzeitiges Buchen und Impfen sowie Mitnahme von Lichtschutzbrillen und evtl. anderen Hilfsmitteln ist empfehlenswert!
 

Bericht 2001 Finsternis!  

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Fragen und Kommentare an:  stefan.urbat@apastron.lb.shuttle.de

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