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Totale Sonnenfinsternis 21. Jun 2001 in Afrika: Bericht

Einleitung. Das war eine absolut gelungene! Nach der recht weitgehenden Enttäuschung 1999 hier in Deutschland entschied ich, eine voll sichtbare Sonnenfinsternis in einer Klimazone zu suchen, die eine wirklich gute Chance bietet, sie uneingeschränkt zu sehen, d.h. anders als bei mitteleuropäischen Bedingungen. Lest sorgfältig, denn ich verschwendete keine Zeit mit Kameras oder Fernrohren, nur ein 10x50-Fernglas habe ich kurz während der Totalität zur Hilfe genommen... So konnte ich das meiste für mich persönlich aus der Finsternis machen und das gelang mir auch!

Vorspiel in zwei Akten

Ein paar Tage vor der Finsternis sah ich wie schon 1999 am Morgenhimmel mehrmals den Mond, der nun den Countdown zur Totalität mittels des abnehmenden, Sonnen beschienenen Teils anzeigte. Nach der Reise zum Beobachtungsort und der Vorbereitung auf das Ereignis verfolgten wir die sich seltsam "bewegende" Sonne (Achtung: südlich des Erdäquators kulminiert die Sonne im Norden statt im Süden, was zu einer entgegengesetzten scheinbaren Bewegung führt!) ganz genau schon Stunden, bevor die partielle Phase der Finsternis begann. Es ist wichtig, die Richtung und Höhe eines solchen Ereignisses schon vorher einzubeziehen, damit Hindernisse aller Art vermieden werden (Bäume, zum Glück waren dort nur wenige, niedrige vorhanden; andere, benachbarte Beobachter, aber wir ließen genug Abstand zwischen uns, gemessen an der Höhe von Sonne und Mond bei dieser Finsternis).

Schließlich baut sich die Spannung erneut auf: der vollkommen klare Himmel läßt keine Zweifel daran aufkommen, dass wir die Finsternis komplett und ausgezeichnet sehen können; und dann beginn der letzte Countdown: das kleine Stück Mondscheibe, das auf der Sonnenscheibe auftaucht, wird von uns allen hörbar begrüßt. Die Meisten beobachten nun mit den speziellen Finsternisbrillen mehr oder weniger häufig, wie der verbleibende Teil der sichtbaren Photosphäre der Sonne sich ebenfalls mehr und mehr hinter den dunklen Mond zurück zieht. In der Anfangsphase ist der Fortschritt leicht zu erkennen, und nach nur 10 Minuten war auch dies wieder bemerkbar: die Mondscheibe zielt genau auf die Mitte der Sonnenscheibe... Sehr eigenartig ist die Abwesenheit irgendwelcher anderer Effekte zu diesem frühen Zeitpunkt einer totalen Sonnenfinsternis: die leichte Abnahme des Sonnenlichts kann man nicht bemerken, nichts deutet darauf hin, was in gut einer Stunde passieren wird.

der letzte Countdown: das Sonnenlicht schwindet immer mehr...

Bei einer Bedeckung von ca. 20 bis 70 % (geschätzt) der Sonnen-Photosphäre erscheint der Fortgang der Finsternis als eher langsam, und es ist kaum etwas davon zu bemerken, wenn man vom Anwachsen der Bedeckung der Sonnenscheibe durch den Mond absieht. Aber dann, in der späteren partiellen Phase wird das Sonnenlicht nicht nur schwächer, sondern es ergibt sich auch ein anomaler fahler Eindruck: der noch sichtbare Teil der solaren Photosphäre in Sichelform erzeugt auch aus dem Rahmen fallende Schatten; abhängig vom Winkel von Gegenständen im Sonnenlicht erscheinen diese Schatten teils scharf, teils deutlich verschwommen, da die normale Symmetrie der Beleuchtung durch eine weitgehend homogene Scheibe nun wegfällt. Die Spannung wächst weiter, die Kamera-Beobachter haben alle Hände voll zu tun und der Sprecher am Beobachtungsort wird ebenfalls immer ungeduldiger. Dann bleiben nur noch wenige Minuten bis zum zweiten Kontakt, dem Kontakt. Obwohl ich mir alle Mühe gebe, kann ich das Phänomen namens fliegende Schatten noch nicht sehen; die Sonnebrille habe ich bereits weg gesteckt, nur die direkte Beobachtung der schmalen Sonnensichel erfordert immer noch die Lichtschutzhilfsmittel. Jemand trägt eine moderne Schweißerbrille, was weniger bequem, aber genau so wirksam und sicher im Gebrauch wie die Lichtschutzbrillen. Zu dieser Zeit schloss sich übrigens der sambische Staatspräsident der beobachtenden Menschenmenge an.

Dreieinhalb Minuten --- die Sonnen-Photosphäre ist am Tag nicht mehr zu sehen

Nur noch Sekunden verbleiben bis zur Totalität. Die Beleuchtung der Landschaft hat nun etwas Geisterhaftes an sich, immer noch Sonnenschein, aber es hat nun einen geradezu ungesunden Farbton: sehr schwach und äußerst fahl. Es ist deutlich kühler geworden, bedingt durch die stark verringerte Sonneneinstrahlung. Ich kann die Lichtschutzbrille nicht länger ertragen und verstaue sie wieder, nun den Himmel in der Nähe von Sonne und Mond betrachtend, die sich jetzt fast genau hintereinander aufgereiht haben. Mit den immer noch an das Tageslicht angepassten Augen registriere ich einen anderen Effekt (s.a.u.!): in diesem Moment beginnt das Sonnenlicht zu flackern, verursacht durch den unebenen Rand des Mondes, der nicht alle Teile der Sonnensichel gleich schnell abdeckt.

Totalität. Viele von uns zeigen starke Reaktionen und ein paar niedrig im jetzt halb dunklen Himmel fliegende Vögel spielen verrückt. Ich brauche ein paar Sekunden der etwa 200, um die eigenartige Umgebung in mich aufzunehmen: eine "falsche" Dämmerung zeigt sich um uns herum, in der Finsternismitte in allen Richtungen. Die majestätische Sonnenkorona dominiert nun den Himmel, sie umgibt den wie ein schwarzes Loch erscheinenden Mond. Sie ist immer noch weitgehend symmetrisch (kurz nach dem letzten Sonnenaktivitätsmaximum) mit einer Anzahl größerer "Federstrukturen" und jetzt macht sich mein Fernglas bezahlt: die ausgedehnte Korona ist klar erkennbar; außerdem bereichern eine große als auch mehrere kleinere Protuberanzen im normalen Rot den Anblick. Nach der Rückkehr zur Beobachtung mit dem bloßen Auge (bei mir immer noch mit Korrekturbrille, aber das liegt nur an meinen Augen) ist das auffälligste "stellare" Objekt am Himmel der recht helle Jupiter, nur ein paar Grad von der verfinsterten Sonne entfernt. Wesentlich weiter entfernt kann sein Schwesterplanet Saturn gesehen werden; aber der Himmel ist immer noch ausreichend stark von der recht kräftigen Korona nahe dem Maximum des solaren Aktivitätszyklus erleuchtet, um die meisten Sterne zu überstrahlen, bis auf zwei: Sirius und Canopus, die beiden hellsten echten Sterne am irdischen Himmel kann ich entdecken, keine Anderen, aber hallo: es ist dennoch großartig! --- Bestimmt waren da mehr Sterne zu sehen, aber wie ein Dämmerungshimmel in der helleren Phase ist es zu hell, um andere, nicht so helle Himmelsobjekte finden zu können. Vielleicht war auch etwas Aerosol in der Luft (verursacht durch Abbrand von Holz insbesondere im Norden Sambias) und hellte den Himmel weiter auf, wodurch die Sterne schwieriger zu sehen waren?

Während wir alle diese exotische, aber fantastische Ansicht verinnerlichen, beginnt der Sprecher am Beobachtungsplatz Gott zu preisen. Ich kann es ihm nicht verdenken, egal ob jemand die Größe eines solchen Naturschauspiels fühlt oder eine religiöse Erfahrung macht: die Gefühlsregung bei einem solchen Meisterwerk der Ästhetik ist stark. Eine Mischung aus Stille und gelegentlichen Ausbrüchen von Bewunderung hält Einzug.

Jetzt meldet sich mein "Sicherheitsalarm" etwa 50 Sekunden vor dem Ende der totalen Verfinsterung (dem dritten, beendenden Kontakt): es ist Zeit, alle ungeschützte Ausrüstung wieder weg zu legen und sich auf das Wiederauftauchen der Photosphäre vor zu bereiten, die von der Mondscheibe zurück gelassen wird. Im Bewusstsein, dass ein streifender Blick von weniger als einer Sekunde in den ersten, winzigen Teil der Sonnenphotosphäre die Augen nicht schädigen kann, obwohl sie sich an den dunkleren Zustand der Landschaft schon etwas angepasst haben, wie es oft behauptet wird, warte ich nun gespannt auf den "Diamantring": er taucht auf und ich wende sofort die Augen ab, dadurch ist die Zeit, die die Augen der Sonnenstrahlung ausgesetzt sind, auf ein harmloses Maß begrenzt. Die wenigen ersten Sonnenstrahlen erscheinen unglaublich hell nach der Beobachtung der nur vergleichsweise schwach leuchtenden Korona und jetzt beginnt erneut das Flackern des wieder gekehrten Sonnenlichts. Dieses Mal sehe ich auch den begleitenden Effekt: die "fliegenden Schatten" bewegen sich wie dunkle Wellenfronten parallel (hauptsächlich) über das Feld, klar erkennbar für die jetzt immer noch eher dunkelangepassten Augen. Er ist viele Sekunden, vielleicht eine Minute, sichtbar, zu meiner Überraschung, und viel auffälliger als erwartet --- der Boden ist keineswegs völlig gleichmäßig!

das Ende der totalen Phase und der Sonnenfinsternis

Nur der harte Kern der Beobachter, der die komplette Abfolge der Finsternis vom allerersten bis zum letzten (vierten) Kontakt dokumentiert, bleibt aufmerksam bei der Sache, verfolgt das Ende des herausragenden Ereignisses in gleichen Zeitabständen. Wir anderen verlieren entweder an Aufmerksamkeit oder erinnern uns an die wenigen (im eindrucksvollsten Teil) etwa vier Minuten, als wir eine Landschaft in einer Weise sahen, wie es uns niemals zuvor vergönnt war. Der sambische Präsident verläßt den (Beobachtungs-)Ort dieses außerordentlichen Ereignisses, mit Sicherheit ebenso beeindruckt. Im Wesentlichen treten jetzt dieselben Phasen auf wie vor der Totalität, zwischen dem dritten und vierten Kontakt: abnorme Schatten, geschwächtes, fahles Sonnenlicht etc. Die erwähnten Vögel, immer noch in Agonie, niedrig fliegend und klagend schreiend, manchmal in der Luft taumelnd, beruhigten sich bis zum Sonnenuntergang nicht. Das ist leicht zu erklären: weder Individuen noch Arten können sich irgendwie an das seltene Ereignis einer totalen Sonnenfinsternis anpassen, so reagieren sie entsprechend dem normalen Verhaltensmuster ihrer Art in dieser Ausnahmesituation.

Der Temperaturabfall war erstaunlich gering, wenn man den klaren Himmel bedenkt (von ein paar Cirrus-artigen Erscheinungen tief am Horizont einmal abgesehen). Weil es mehrere Stunden vom ersten bis zum vierten Kontakt dauerte, steht die Sonne nun deutliche tiefer als zu Beginn am Himmel, und ist bereits auf dem Weg unterzugehen, wie an jedem anderen Tag auch.

ein Resümee

Dies war in der Tat eine der eindrucksvollsten Erfahrungen meines Lebens überhaupt; und so denkt jeder, der jemals eine totale Sonnenfinsternis in ihrer ganzen Pracht gesehen hat. Nichts kann eine visuelle Beobachtung einer totalen Sonnenfinsternis ersetzen, kein Bild (-erserie), kein Video, kein anderes techniches Hilfsmittel, seid Euch dessen bewusst! (das hängt mit der Art zusammen, wie unsere Augen und unser Gehirn arbeiten) Die lange, teure (und Atmosphären schädigende, muss ich zugeben) Reise nach Afrika war mir jeden Euro- bzw. US-$ wert, das kann ich versichern. Jetzt, nachdem ich Alles an Effekten einer totalen Sonnenfinsternis gesehen habe, bin ich glücklich und zufrieden damit, so kann ich jetzt leben, ohne erneut einer solchen nach zu jagen --- Verzeihung Leute, aber mindestens für ein Jahrzehnt oder mehr war dies meine Letzte. Verschiedene andere Beobachter der Gruppe werden zu den nächsten oder zumindest der ein oder anderen davon reisen, wie ich weiß, und Alle, die noch nie eine sahen, und keine Chance haben, in ihrer gewohnten Umgebung eine zu sehen, sollten sich einmal dazu gesellen. Es ist wirklich eine außergewöhnliche Erfahrung, es kann mit nichts Anderem verglichen werden, was die Natur uns auf unserem Planeten vorführt. Ich werde mich lebhaft daran erinnern, bis mein Körper sich mit dem Material unseres Planeten vereint, das ist sicher.


 

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Bemerkungen etc. an: stefan.urbat@apastron.lb.shuttle.de

(URL:  http://www.lb.shuttle.de/apastron/e2001reG.htm)